Du hast über die Jahre ein Depot aufgebaut. Ein paar ETFs hier, ein Fonds von der Bank dort, vielleicht noch Einzelaktien aus einer Phase, in der du dachtest, Stock-Picking sei eine gute Idee.
Jetzt willst du das Ganze einem Robo Advisor übergeben, der Ordnung reinbringt. Klingt logisch. Funktioniert aber nicht so, wie du denkst.
Ein Robo Advisor kann deine alten Wertpapiere nicht einfach übernehmen und weiterlaufen lassen. Er muss alles verkaufen und nach seiner eigenen Strategie neu investieren.
In diesem Artikel zeige ich dir, warum das so ist, welche Alternative schneller funktioniert und wie du die Steuerfalle vermeidest.
Warum ein klassischer Depotübertrag meist scheitert
Robo Advisor arbeiten mit eigenen ETF-Portfolios in exakter Gewichtung. Dein altes Depot mit 15 verschiedenen Positionen passt da nicht rein.
Würde der Anbieter deine alten Titel übernehmen, wäre seine Strategie sofort verwässert. Er könnte nicht mehr nach Plan arbeiten.
Deshalb handhaben es die meisten so:
- Du kannst das Depot technisch übertragen
- Alle Wertpapiere werden nach Eingang automatisch verkauft
- Der Erlös wird nach der neuen Strategie reinvestiert
- Dauer: bis zu 3 Wochen
Umständlich. Genau deshalb empfehlen die meisten Anbieter einen anderen Weg.
Zwei Richtungen, zwei Realitäten: Eingehend vs. Ausgehend
Bei unserer Recherche für den Robo Advisor Vergleich haben wir alle 33 Anbieter auf ihre Übertragsmöglichkeiten geprüft. Dabei zeigt sich ein Muster, das die meisten Vergleichsportale übersehen: Depotübertrag hat zwei Richtungen, und die funktionieren komplett unterschiedlich.
Eingehend (von deiner alten Bank zum Robo Advisor): Nur 5 von 33 Anbietern bestätigen das explizit. 7 sagen klar Nein. Beim Rest gibt es keine belastbare Aussage. Die Hürde liegt also beim Reinkommen: Dein neuer Robo Advisor muss deine alten Wertpapiere überhaupt annehmen wollen.
Ausgehend (vom Robo Advisor weg zu einer anderen Bank): 9 Anbieter bestätigen das, kein einziger sagt explizit Nein. Logisch, denn deine ETFs sind Sondervermögen. Der gesetzliche Herausgabeanspruch besteht immer.
Die kurze Formel: Rausgehen geht fast immer. Reinkommen ist die Frage. Genau deshalb ist der Verkaufsweg (nächster Abschnitt) für die meisten Anleger die bessere Option.
Die bessere Alternative: Depot auflösen und Geld überweisen
Verkaufe deine Wertpapiere selbst und überweise den Betrag direkt.
- Depot bei deiner alten Bank auflösen
- Auszahlung auf dein Girokonto
- Betrag bei deinem neuen Robo Advisor einzahlen
- Fertig in wenigen Tagen statt Wochen
Ich empfehle das den meisten Lesern so. Beim Selbstverkauf siehst du genau, welche Positionen mit Gewinn oder Verlust geschlossen werden.
Wenn dein Depot ohnehin ein Flickenteppich ohne klare Struktur ist, ist das der saubere Cut. Einmal Tabula rasa und mit einem System starten, das ohne dein ständiges Eingreifen läuft.
Die Steuerfalle: Wann beim Übertrag Steuern anfallen
Verkaufst du Wertpapiere mit Gewinn, werden Steuern fällig. Egal ob du selbst verkaufst oder der Robo Advisor.
Ein Beispiel: Du hast vor 5 Jahren 10.000 Euro in ETFs investiert. Heute sind daraus 15.000 Euro geworden.
Bei der Auflösung zahlst du auf die 5.000 Euro Gewinn:
- 25 % Abgeltungssteuer
- plus Solidaritätszuschlag
- gegebenenfalls Kirchensteuer
- abzüglich Freibetrag von rund 1.000 Euro (2.000 Euro bei Verheirateten)
Real bleiben von den 5.000 Euro Gewinn etwa 3.900 Euro übrig. Das tut weh, ist aber kein Nachteil des Robo Advisors. Du hättest diese Steuern bei jedem Verkauf gezahlt.
Wann sich der Wechsel wirklich lohnt
Der Wechsel macht Sinn, wenn deine aktuelle Depotstruktur ineffizient oder teuer ist.
Ich rate zum Wechsel bei:
- Hohe laufende Kosten: Aktiv gemanagte Fonds mit über 1,5 % jährlichen Gebühren
- Schlechte Diversifikation: Wenige Einzelaktien oder Klumpenrisiken
- Keine Strategie: Wertpapiere über Jahre willkürlich gekauft
- Zeitmangel: Du willst dich nicht mehr selbst um Rebalancing kümmern
Besonders der letzte Punkt. Wenn du abends nach einem langen Arbeitstag keine Energie mehr hast, dich um dein Depot zu kümmern, dann ist genau das der Moment für einen Robo Advisor.
Nicht sinnvoll bei:
- Gut aufgebauten ETF-Portfolios: Bereits breit gestreut in günstige ETFs
- Langfristigen Verlusten: Positionen mit hohen Buchverlusten nicht überstürzt auflösen
- Sehr kleinen Beträgen: Unter 500 Euro lohnt sich der Aufwand kaum
So gehst du den Übertrag praktisch an
- Depot analysieren: Welche Positionen haben Gewinne, welche Verluste?
- Robo Advisor wählen: Strategie, Kosten und Mindestanlage prüfen.
- Altes Depot auflösen: Verkaufsorder erteilen, Auszahlung veranlassen.
- Wartezeit nutzen: In der Regel 5 bis 10 Werktage.
- Beim Robo Advisor einzahlen: Geld wird automatisch nach Strategie investiert.
Ein Hinweis aus der Praxis: Manche Banken verzögern Kündigungen künstlich. Setze eine Frist und drohe bei Verzug mit der BaFin. Funktioniert.
Formaler Depotübertrag: Wann er trotzdem nötig wird
In Ausnahmefällen musst du Wertpapiere direkt übertragen:
- Gemeinschaftsdepots mit komplexen Eigentumsverhältnissen
- Wertpapiere, die nicht einfach verkauft werden können
- Übertrag zwischen verschiedenen Rechtsträgern
Der Ablauf: Übertragungsformular anfordern, an deine alte Bank senden, 3 bis 6 Wochen warten. Der Robo Advisor verkauft dann alles automatisch und investiert neu.
Nur ganze Stückzahlen können übertragen werden. Bruchstücke werden vorher verkauft.
Welche Robo Advisor einen eingehenden Übertrag akzeptieren
Falls du den formalen Weg gehen willst, solltest du vorher prüfen, ob dein Wunsch-Anbieter überhaupt eingehende Überträge annimmt. Laut unserer Erhebung bestätigen das explizit: Consorsbank, Estably, Evergreen, Scalable Capital und Whitebox.
Wichtig dabei: Evergreen verkauft eingehende Wertpapiere automatisch und investiert strategiekonform neu. Estably wickelt über Interactive Brokers ab. Bei cominvest geht es nur indirekt über die Umwandlung in ein comdirect-Depot.
Anbieter wie growney, OSKAR, quirion, Solidvest, Flossbach von Storch ONE, Warburg Navigator und Zeedin sagen explizit Nein zum eingehenden Übertrag. Bei allen anderen gibt es schlicht keine belastbare Aussage.
Was mit deinen Wertpapieren nach dem Übertrag passiert
Der Robo Advisor verkauft alles und investiert nach seiner Strategie neu. Deine bisherige Wertpapierhistorie geht verloren.
Konkret:
- Keine Berücksichtigung deiner bisherigen Titel
- Kompletter Neuaufbau nach Strategie
- Verlust der steuerlichen Historie
- Neuberechnung der Haltedauer
Genau deshalb: Verkaufe selbst, überweise das Geld, starte neu.
Kosten eines Depotübertrags
Innerhalb Deutschlands ist ein Depotübertrag gesetzlich kostenlos. Deine Bank darf keine Gebühren verlangen.
Indirekte Kosten können aber entstehen:
- Spreads beim Verkauf
- Steuern auf realisierte Gewinne
- Kursverluste während der Übertragungszeit
- Opportunitätskosten durch nicht investiertes Kapital
Bei 30.000 Euro Depotvolumen und 3 Wochen Übertragungszeit bist du etwa 15 Tage nicht investiert. In einem steigenden Markt können das 300 bis 600 Euro sein.
Die Direktüberweisung ist besser: Geld in 2 bis 3 Tagen beim Robo Advisor, sofort investiert.
Häufige Fehler beim Depotübertrag
Überstürzter Verkauf bei Verlusten. Nicht hektisch Positionen mit 30 % Verlust auflösen. Warte auf Erholung oder nutze Verluste steuerlich clever.
Steuerfreibetrag ignorieren. Nutze die 1.000 Euro Freibetrag optimal. Verkaufe zuerst Positionen knapp über dem Einstandskurs.
Falsches Timing. Mitte Dezember ist ungünstig. Banken sind langsam, Kurse volatil. Plane Überträge im Frühjahr.
Keine Dokumentation. Sichere alle Kaufbelege. Bei Nachfragen vom Finanzamt brauchst du sie.
Alles auf einmal. Du musst nicht dein gesamtes Depot sofort übertragen. Teste den Robo Advisor erst mit einem Teil.
Vom Robo Advisor weg: Ausgehender Depotübertrag
Genauso wichtig wie der Weg rein ist der Weg raus. Falls du irgendwann deinen Robo Advisor verlassen willst, stehen die Chancen gut: 9 Anbieter bestätigen den ausgehenden Übertrag explizit. Kein einziger sagt Nein.
Consorsbank macht es am klarsten: kostenfreier Depotübertrag in beide Richtungen. Auch Estably, Evergreen, Ginmon, growney, OSKAR, quirion und Whitebox bestätigen den ausgehenden Übertrag. VisualVest dokumentiert ihn im Preis- und Leistungsverzeichnis.
Interessantes Detail: Manche Anbieter, die den eingehenden Übertrag ablehnen, erlauben den ausgehenden problemlos. growney, OSKAR und quirion sagen Nein zum Reinkommen, aber Ja zum Rausgehen. Das ergibt Sinn. Diese Anbieter wollen saubere Portfolios ohne Fremd-Wertpapiere, blockieren dich aber nicht beim Wechsel.
Für die übrigen 19 Anbieter ohne Angabe gilt: Der gesetzliche Anspruch auf Herausgabe deiner Wertpapiere besteht immer. Selbst wenn ein Anbieter den Übertrag nicht aktiv bewirbt, kann er ihn dir nicht verweigern.
Wann du wechseln solltest und wann nicht
Ein Robo Advisor ist kein Allheilmittel. Aber für viele Anleger die bessere Lösung als teure Fonds oder kopfloses Stock-Picking.
Willst du künftig systematisch investieren? Dann ist ein Robo Advisor richtig. Willst du aktiv Einzeltitel handeln? Dann reicht ein günstiger Broker.
Oder du machst beides: Kerndepot beim Robo Advisor für die Basis, Spieldepot beim Online-Broker für die Kür.
Der vermeintliche Nachteil, dass deine alten Wertpapiere nicht übernommen werden, ist in Wahrheit ein Vorteil. Er zwingt dich, dein Portfolio neu zu denken. Oft genau der Cut, den es braucht.

